Feuilleton Frankfurter Rundschau 23.02.2008

Vor dem Elend der Verödung

"Das erste Mal" bei den Landungsbrücken

VON JAMAL TUSCHICK

Lena schließt die Augen, um das Wunder ihrer Existenz wie ein Parfait auf Schäumen auszukosten. Felix guckt dumm aus der Wäsche. Er hat sich genau an die Spielregeln gehalten. Es regnet, er ist mit Rosen gekommen. So beginnt "Das erste Mal" von Michal Walczak. Das Stück wurde 2006 mit dem Europäischen Autorenpreis ausgezeichnet. Das Frankfurter Theater Landungsbrücken beendet damit seine Winterpause.

Nora Jokhosha zeigt Lena als eine Art Khmer Rouge der Liebe in einem Beet aus türkisblauen Luftballons. Sie ist erst so naseweis zu glauben, man könne in ihrem Fall alles Negative aus der Welt schaffen, bevor sich Metastasen bilden. Aber womöglich gibt sie sich nur den Anschein der Vermessenheit. Zweifellos verantwortet sie ein Arrangement, bei dem sich zwei nicht weniger vorgenommen haben als auf der Höhe ihrer Fantasien körperlich einzusteigen.

Jochen Döring vermag als Felix perfekt das Nötige. Er beherrscht jeden Tonfall, alle Entrüstungen und Winkelzüge des Liebhabers, auch in der Latin-Lover-Variante und als Mister Bombastic. Trotzdem steht er manchmal da, als erschiene ihm die Liebe wie ein Spielzeug, das Außerirdische nach einer Stippvisite ohne Gebrauchsanweisung zurückgelassen haben. Das gehört zu den Kunststücken, die Döring in einer bemerkenswerten Inszenierung von Torge Kübler fertig bringt. Sein Felix ist ganz nass und nur mehr oder weniger willkommen.

Lena stellt "Abendbrot bei Kerzenlicht" in Aussicht, auch wenn ihr gerade zumute ist, als habe man ihr einen leeren Glückskeks angedreht. Plötzlich weiß sie nichts mehr von Felix. Wie aber soll sie mit einem Schluss machen, mit dem sie gar nichts angefangen hat? Beide erleben die Anziehungskraft des anderen als Dilemma. Nachdem sie sämtliche Floskeln und Wahrhaftigkeitsbeteuerungen aufgesagt haben, kommt es zum Vollzug. Wie freiwillig weiß man nicht, soweit es Lena betrifft. Sie wird schwanger, das Elend der Verödung setzt sich durch. "Ich habe dich angerufen, du bist gekommen, es hat geregnet, du warst ganz nass".

Jetzt ist Felix da, ab und zu platzt ein Ballon. Man breitet sich auf einem Luftkissenboot aus, das ist das Sofa. Fernbedienungen zaubern Symbole an eine Wand. Das Ganze hat etwas Geträumtes. Im Weiteren ist alles wie fast immer im Theater Landungsbrücken: großartige Schauspieler in einem großartigen Stück an einem magischen Ort.

Termine
Landungsbrücken Frankfurt,
www.landungsbruecken.org



Frankfurter Neue Presse – Printausgabe vom 23.02.2008

Erkundungen in der Beziehungskiste

Das Frankfurter Theater "Landungsbrücken" zeigte Michal Walczaks Stück "Das erste Mal".

Liebe im Zeitalter der jederzeit möglichen virtuellen Kontaktaufnahme: Keiner weiß, wie es geschehen ist, jedenfalls steht "er" plötzlich vor der Tür, weil "sie" ihn angerufen hatte, da einsam, verzweifelt und verweint. Der junge polnische Dramatiker Michal Walczak, geboren 1979 in Saanig, springt mit seinem als "Spielwiese in 7 Bildern" angelegten Text mitten hinein in zeitgeistige Beziehungssituationen und deren Problematik, setzt dabei auf Wortwitz Woody AllenŐscher Prägung und vermischt verschiedene Ebenen. Jene der Wahrnehmung der Protagonisten untereinander, und jene von Ort und Zeit, hier souverän aufgehoben. Wo und wann diese Zwei-Personen-Groteske spielt, ist völlig egal; es geht um die immer noch gleichen Bedürfnisse von Mann und Frau: an- und wahrgenommen und letztlich geliebt zu werden. Das gelingt Lena und Felix nicht. Sie liefern sich vom ersten Moment an ein Gefecht der Worte, Empfindungen und subjektiven Wahrnehmungen.

Will "er", was "sie" will? Will "sie", was "er" will? Völlig unklar. Das geht mitunter in quälender Dialogführung so lange, bis "es" beide zum "ersten Mal" miteinander machen. Zumindest virtuell; das Licht geht aus, man hört romantisches Geplänkel. Also hat es doch noch geklappt mit dem avisierten Meeting der Geschlechter?

Schwer zu sagen. Denn im letzten Bild dieser Slapstick-Beziehungsfarce, so jedenfalls hat Regisseur Torge Kübler das Stück interpretiert, findet man die beiden Protagonisten an der tatsächlichen Bar des Theaters, die hier als Treffpunkt nach Jahren der Isolation von Lena und Felix dient, wieder, sich fragend, ob das alles, inklusive des in der gemeinsamen Nacht gezeugten Kindes, nur ein Traum war. Nora Jokhosha als neurotische "sie" und Jochen Döring als zwischen Coolness und Wahnsinn changierender "er" liefern eine meisterhafte schauspielerische Leistung. (jsc)





Frankfurt Journal – THEATERAKTUELL Ausgabe 06/08

DAS ERSTE MAL

Groteske von Michal Walczak
Schauspiel
Regie: Torge Kübler
Autor: Michal Walczak
Landungsbrücken
13./14./27./30.3. 20.00 Uhr

Sie, angeblich ganz verweint, er, angeblich ganz nass vom Regen. Beide offensichtlich nervös. Unsicher bahnen sie sich ihren Weg aufeinander zu durch ein Meer aus blauen Luftballons. Auf den Ballons thront ein aufblasbares Sofa aus Plastik. Ein Rosenstrauß, ein Glas Wein, ein abgelegter roter Mantel – die passenden Requisiten für das erste intime Date werden nur sekundenkurz auf die Rückwand projiziert. Sobald sie von den beiden Dialogpartnern heraufbeschworen sind, verschwinden sie auch schon wieder. Michal Walczak ist mit seinem Zweipersonenstück "Das erste Mal" eine erstaunlich originelle Variante des modernen Beziehungsdramas gelungen. Was auf den ersten Blick wie eine Tragikomödie nach altbewährtem Schema daherkommt, birgt mehr als nur einen doppelten Boden. Torge Küblers Inszenierung gibt Walczaks Text das Tempo, das er verlangt, und überzeugt mit einer gelungenen Mischung aus intelligenter Formalisierung, ausgestellter überzeichnung und einem guten Gespür für dezente Pointen.

Dass das so spielend leicht einen ganzen Abend trägt, ist auch den beiden hervorragenden Darstellern Nora Jokhosha und Jochen Döring zu verdanken. Beide changieren gekonnt zwischen distanziertem Oberflächenspiel und ironisiertem Boulevard, was den ebenso absurden wie reizvollen Eindruck einer Salonfarce in Kammerspielästhetik erweckt.

FAZIT: Originelle Variante eines alten Themas, überzeugend umgesetzt.
sza